Streuobstkolumne

Interview mit Dietmar Will

In den Kommunen haben die Bauhöfe viele Aufgaben, sodass meistens keine Zeit für die Pflege der Streuobstwiesen verbleibt. Die kommunalen Streuobstbestände in Haßfurt sind aber dennoch in einem guten Zustand. Wer dafür verantwortlich ist, erzählt uns Dietmar Will in unserem zweiten Interview der Streuobstkolumne.

 

Herr Will, können Sie uns verraten, wer sich in Haßfurt hinter der Pflege der kommunalen Streuobstbestände verbirgt?

In Haßfurt kümmert sich vor allem die Lokale Agenda 21 Gruppe „Stadt Land Fluss“ zusammen mit dem Stadtbauhof um die Streuobstbestände. Die Lokale Agenda 21 hat sich aufgrund der Konferenz der Vereinten Nationen im Jahre 1992 in Rio gegründet. Die Konferenz widmete sich dem Austausch über die Herausforderungen der Gesellschaft im 21. Jahrhundert. Dabei haben 187 Länder Leitlinien verabschiedet, welche die dringendsten Probleme und Herausforderungen des 21. Jahrhunderts sein werden. Dabei wurde der Begriff der „Nachhaltigkeit“ hervorgehoben. Heutzutage wird der Begriff „Nachhaltig“ überall und in sämtlichen Zusammenhängen verwendet. Ursprünglich kommt der Begriff Nachhaltigkeit aus der Forstwirtschaft, bei der nicht mehr Holz geerntet werden soll als auch wieder nachwächst. Der Begriff wurde in der Konferenz in Rio auf die Gesellschaft und deren Herausforderungen übertragen. Damit künftige Generationen keinen Schaden nehmen, müssen die Leitlinien von der UN bis auf den Landkreis und jeder einzelnen Person runtergebrochen werden. Dieser Prozess führte letztlich zu der Gründung der lokalen Agenda 21 Gruppe im Jahr 1999, bei der in Haßfurt die Leitlinien verabschiedet wurden und noch heute ihre Gültigkeit besitzen. Die Konstellation, wie wir sie in Haßfurt mit neun Projektgruppen und über 100 ehrenamtlichen Mitglieder*innen hatten, ist beispielhaft. Ein langjähriger Prozess zur Gründung der Arbeitsgruppen mit einer großen Auftaktveranstaltung und Bürgerbeteiligung führte zu den verabschiedenen Handlungsfeldern mit Fokus auf Jugendliche, Senioren und Behinderte oder den Wirtschaftssektor. Nachdem die Einzelprojekte der Gruppen durchgeführt wurden, sind diese teilweise auf andere Träger übergegangen. Die „Stadt Land Fluss“-Gruppe, welche die klassische Naturschutzseite vertritt, ist die letzte aktive Projektgruppe der Lokalen Agenda 21. Ein eingeschworener Haufen aus Naturschutzverbandsmitglieder*innen, Handwerkern, Polizisten als auch Ingenieuren, die teilweise seit 1999 mit dabei sind und auch immer wieder neue Gesichter sorgen für die Umsetzung vieler Projekte. Ein bunt zusammengewürfelter Haufen, der Haßfurt und die Grünbereiche liebens- und lebenswerter gestalten möchte.

Obstbaumschnitt im Herbst, Foto: Dietmar Will

Und was hat die Projektgruppe nun genau mit Streuobst zu tun?

Die Projekte oder Schwerpunkte der Gruppen sind abhängig von den Mitglieder*innen, welche hier ein Faible für Streuobst inne haben. Personen, die sich sowohl für den Landesbund für Vogelschutz und BUND als auch für Obst- und Gartenbauvereine engagieren haben sich stets mit dem Streuobst auseinandergesetzt, als Obstbaumpfleger private Streuobstbäume geschnitten und erklärt, worauf man beim Schnitt achten muss. Die Projektgruppe versucht  weitere Menschen aus den Stadtteilen zu motivieren, bei gemeinsamen Aktionen vom Obstbaumschnitt bis zu Neupflanzungen mitzuwirken. Zwei Samstage im Frühjahr werden jährlich für das Schneiden von Obstbäumen auf kommunaler Fläche, z.B. in Oberhohenried, genutzt. Die Aktionen werden von der Gruppe geplant und der Obst- und Gartenbauverein spendiert dabei immer eine Brotzeit, Kaffee und Kuchen. Bei dem gemeinsamen Schnitt lernen Unerfahrene, wie man die Obstbäume schneiden soll. Wissen, was sie letztlich für den Schnitt ihrer eigenen Obstbäume nutzen können.

Kann ich bei einer anstehenden Aktion der „Stadt Land Fluss“-Gruppe mitwirken?

Im Herbst 2021 werden wir in Sachen Streuobst vor allem die große Obstbaumreihe bei Oberhohenried ergänzen. Infolge der beiden sehr trockenen Sommer 2019 und 2020 und eines Apfelwicklerbefalls sind dort etliche Bäume abgestorben und sollen ersetzt werden. Ein Termin für das nächste Treffen steht aber noch nicht genau fest. Im Frühjahr wird die Gruppe damit beschäftigt sein, wieder einen „Klimawald“ zu pflanzen.

In Unterhohenried haben wir vor einiger Zeit ein Biotop angelegt und dazu wurden Obstbäume gepflanzt. Eine Aktion zum gemeinsamen Ernten ist deshalb noch nicht geplant. Die Bäume, die wir gepflanzt haben, werden erst in den nächsten Jahren einen Ertrag liefern. Die kommunalen Streuobstbäume dagegen wurden im vergangenen Jahr mit „gelben Bändern“ markiert, damit hatten wir ganz gute Erfahrungen. Die gelb markierten Bäume laden zum Abernten des Obstes ein. Schon jetzt hängen die Bäume in Haßfurt teilweise rappelvoll – ich bin gespannt, ob das Streuobst dieses Jahr verwertet wird. Wir haben daran gedacht, wenn es Coronabedingt irgendwann wieder möglich ist, auf dem Haßfurter Straßenfest das „Apfelsaftpressen“, wie es dies auch am jährlichen Apfelfest in Ebern gibt, anzubieten. Eine mobile Saftpresse könnten wir hier bestimmt ausleihen.

Starke Leistung von den vielen Ehrenamtlichen der "Stadt Land Fluss"-Gruppe, Foto: Dietmar Will

Lebensraum „Streuobstwiese“

Abgesehen von der Verwertung des Obstes haben die Streuobstwiesen eine große Bedeutung für die Biodiversität. Sie bieten Lebensraum für besondere, vom Aussterben bedrohte Vögel beispielsweise, wie dem Wendehals und dem Steinkauz, aber auch für häufige Arten wie die Blaumeise. Die Wildbienen sind auf die Vielfalt der Obstblüten angewiesen und der landschaftliche Aspekt zum Erhalt der Streuobstbestände ist natürlich ebenfalls unverkennbar. Eigentlich gibt es nur Positives über Streuobst und Streuobstwiesen zu sagen, dennoch sind sie die Verlierer der aktuellen Zeit. Privatgärten sind umgeben von Schotter. Die artenreiche Streuobstwiese bedeutet ungleich mehr Arbeit. Der jährliche Schnitt der Bäume oder die Mahd, das Freilegen der Baumscheibe, das Ernten des Obstes – es gibt auf der Streuobstwiese immer etwas zu tun, aber genauso gibt es auch hier immer etwas zu entdecken. Die Menschen haben den Bezug zum (traditionellen) Streuobst verloren. Diesen Bezug wollen wir vermehrt herstellen. Auf Initiative unserer Frau Schnitzer aus dem Sekretariat von Bürgermeister Günther Werner gibt es für die Erstklässler dieses Jahr Nistkästen inklusive Bauplan und Infoblatt, bereitgestellt von unserer Projektgruppe. Selbstverständlich helfen wir auch beim Aufbau, wenn dies gewünscht sein soll. Hiermit möchten wir den Vogelschutz und die Wertschätzung für Streuobstwiesen fördern. Das Holz stammt aus unserem Stadtwald, welches in den letzten Jahren vom Borkenkäfer befallen wurde. Ein tolles Projekt für die Zukunft wären auch Streuobstwiesenführungen mit Kindern und Schulen. Viele Lehrer*innen sind hier offen für Neues. Einige Anfragen bezogen sich bereits auf das gemeinsame Pflanzen von Obstbäumen. Dass Kinder in der Natur viel Spaß und großes Interesse haben, zeigt die vergangene Führung an der Mainaue mit Kindern der Förderschule Haßfurt. Die Schüler*innen wollten wissbegierig alles über den Vogelschutz und Vogelzug erfahren.

Zottiger Schillerporling - Parasit auf der Streuobstwiese, Fotograf: Felix Jäger

Sobald der nächste Termin zum Treffen der „Stadt Land Fluss“-Gruppe feststeht, wird dieser von der Allianz Main und Hassberge veröffentlicht.

Interessierte sind hierzu herzlich eingeladen.